Meine Arbeit beim Sozialen Dienst

Meine Arbeit beim Sozialen Dienst

Jetzt kommt endlich mal ein Beitrag zu meiner Arbeit beim Sozialen Dienst, im Jugendamt. Was genau ist meine Aufgabe, was ist mein alltägliches Geschäft und welche Voraussetzungen es meiner Meinung nach für den Job braucht, all das erzähle ich dir in diesem Beitrag.

Trigger Warnung (TW) zu Gewalt

Meine Aufgaben

Beim Sozialen Dienst, für viele besser bekannt unter dem Begriff Jugendamt, erfülle ich Aufgaben nach dem Sozialgesetzbuch VIII, auch Kinder- und Jugendhilfegesetz genannt. Das Jugendamt ist aber eigentlich der Überbegriff der Abteilung und umfasst viele weitere Aufgaben.

Zu meinen Aufgaben beim Sozialen Dienst zählen folgende, die Begriffe erkläre ich gleich genauer:

  • Bedarf von Hilfen zur Erziehung erkennen, benennen, Hilfen installieren und die Umsetzung begleiten
  • den Schutzauftrag im Sinne des §8a SGB VIII wahrnehmen, das sogenannte staatliche Wächteramt
  • Beratung in familiengerichtlichen Verfahren
  • Trennungs- und Scheidungsberatung
  • Beratung zu Erziehungs-, Sorgerechts- und Umgangsfragen

Hilfen zur Erziehung

Zu den Hilfen zur Erziehung zählen Hilfs- und Unterstützungsangebote des Staates für Familien und Kinder bzw. Jugendliche. Im Folgenden werde ich zu allen Altersgruppen Kinder sagen, damit sind aber immer Kleinkinder, Kinder und Jugendliche bzw. teilweise sogar junge Erwachsene gemeint.

Hilfeformen

Zu unterscheiden sind insbesondere die ambulanten Hilfen, die teilweise im Haushalt der Familie stattfinden, teilweise auch außerhalb, aber das Kind bzw. die Kinder wohnen weiterhin bei den Eltern. Ein Großteil der ambulanten Hilfen findet aufsuchend statt, dabei kommt der Hilfsanbieter zu der Familie nach Hause. Als Beispiel können hier die sozialpädagogische Familienhilfe oder Erziehungsbeistände genannt werden. Ambulante Hilfen sind für die Familien und Kinder immer kostenlos.

Außerdem die teilstationären Hilfen, bei welchen die Kinder einen Großteil der Zeit außerhalb des Haushalts untergebracht sind bzw. in einer Einrichtung verbringen. Der Hauptwohnsitz der Kinder ist dann aber weiterhin der Haushalt der Eltern. Teilstationäre Hilfen sind häufig Hilfen über den Tag und die Kinder gehen Nachts wieder nach Hause.

Die dritte Option sind stationäre Hilfen, also Hilfen die außerhalb des Elternhauses stattfinden. Die Kinder sind dann dauerhaft in einer Einrichtung oder bei einer Pflegefamilie untergebracht und besuchen die Eltern in den Ferien oder am Wochenende. Es gibt aber auch stationäre Hilfen für die gesamte Familie bzw. z.B. für alleinerziehende Eltern in Form eines Mutter-/Vater-Kind-Heimes.

Kosten

Bei teilstationären Hilfe sowie bei den stationären Hilfen werden Kostenbeiträge der Eltern und teilweise auch der Jugendlichen/jungen Erwachsenen erhoben, sofern diese ein eigenes Einkommen haben. Das Einkommen der Eltern ist dabei zu einem gewissen Teil gedeckelt. Das Einkommen der Kinder kann seit einer langen überfälligen Gesetzesänderung nun nur noch mit 25 % belastet werden – und nicht mehr wie zuvor mit 75 %.

Hilfeverlauf

Die Hilfen sind sozusagen in meinem Repertoire und wenn ich eine neue Familie kennenlerne, überlegen wir gemeinsam, welche Hilfe die passende sein könnte. Eltern und Kinder haben das sogenannte Wunsch- und Wahlrecht. Das heißt, sie dürfen sich wünschen mit welcher Einrichtung oder mit welchen Helfern sie zusammenarbeiten wollen. Letzten Endes entscheide aber ich, welchen Bedarf die Familie hat und welche Hilfe dafür geeignet ist.

Die Hilfe wird, nachdem sie installiert wurde dann regelmäßig überprüft und von mir begleitet. Es finden 2x im Jahr Gespräche statt, sogenannte Hilfeplangespräche. Außerdem bei Bedarf Zwischengespräche in Krisen oder eben, wenn es gerade nötig ist.

Der Schutzauftrag

Das staatliche Wächteramt bezeichnet die Aufgabe des Staates über die Familien zu wachen. Ich weiß, das klingt ganz schön heftig und das ist es auch. Denn die Institution Familie ist durch das Grundgesetz gut geschützt. Lediglich wenn es zu groben Pflichtverletzungen kommt – wie z.B. Misshandlung der Kinder – dann kann der Staat, in dem Fall das Jugendamt, eingreifen.

Genauer ist dies in §8a SGB VIII geregelt.

Fallbeispiel Meldung, Teil 1

Als Beispiel kann ich dir einen typischen Ablauf schildern, dann wird das Ganze ein wenig klarer. TW zu Gewalt!

Ich bekomme einen Anruf. Herr Meier möchte eine Mitteilung machen. Er mache sich Sorgen um die Nachbarskinder. Er höre immer wie geschrien würde und dann würden die Kinder immer laut schreien und weinen. Wenig später sei dann Ruhe. Dies höre er jeden Tag, heute würde er sich jedoch melden, weil er ein Kind draußen spielen gesehen hätte und er blaue Flecken am Rücken entdeckt hätte. Da er sich nun doch Sorgen machen würde, hätte er gedacht er melde sich mal.

Aufgrund der Inhalte der Mitteilung muss ich alles mit meinem Team bzw. mindestens mit einer weiteren Person besprechen. Dann würden wir entscheiden, ob wir direkt rausfahren oder ob wir einen Brief mit einer Ankündigung bzw. einer Bitte um Rückmeldung schicken. Je nach Intensität der Meldung und wie wichtig wir die Inhalte einschätzen, entscheiden wir das weitere Handeln.

Nehmen wir an, es gab noch konkretere Informationen und eventuell ist die Familie mir auch schon bekannt. Also fahren wir direkt raus.

Schutz der Familie und der eigenen Wohnung

Das direkte rausfahren bedeutet ein massiver Eingriff in die Privatsphäre der Personen, das muss man sich immer bewusst machen!

Wenn plötzlich fremde (oder eben auch nicht) Menschen vor deiner Haustüre stehen und mit dir sprechen wollen, die Kinder und die Wohnung sehen wollen, dann benötigt es schon sehr klare Hinweise und Gegebenheiten um dies zu vertreten. Wie bereits vorhin kurz erklärt, die Familie ist durch das Grundgesetz stark geschützt.

Daher müssen wir immer gut abwägen ob der direkte “Eingriff” notwendig, verhältnismäßig und sinnvoll ist.

Fallbeispiel Hausbesuch, Teil 2

Bei dem stattgefundenen Hausbesuch stellen wir fest, dass die Kinder große blaue Hämatome am Oberkörper haben und schicken die Familie sofort zur Rechtsmedizin um die Hämatome, in dem Fall auch strafrechtlich relevante Spuren, sichern zu lassen. Der wird Vater ausfallend, weswegen die Polizei zu dem Termin hinzugeholt werden muss. Diese nimmt den Vater dann mit. Die Mutter begleitet die beiden Kinder zum Krankenhaus.

Bei der Rechtsmedizin stellt sich dann heraus, dass die Kinder jahrelang und schwerst misshandelt wurden. Die Mutter hat all das mitbekommen, aber nichts dagegen unternommen. Der Vater hat das Geld der Familie verdient und die Mutter fühlte sich dadurch immer abhängig und wusste nicht, wie sie sich und die Kinder retten kann.

Durch regelmäßige Gespräche im Krankenhaus und später im Frauenhaus, in welchem die Frau untergebracht wird, lernt sie dann für sich einzustehen und auf eigenen Beinen ihren weiteren Weg zu gehen. Die Kinder können durch die Trennung, die sie auch durchzieht, bei ihr bleiben und entwickeln sich gut.

Natürlich gibt es noch viele andere Möglichkeiten, wie der Fall verlaufen könnte. Sehr häufig z.B. schaffen es die Frauen leider nicht aus dem Abhängigkeitsverhältnis und bleiben bei ihren Männern. Insbesondere häusliche Gewalt schafft ein massives Abhängigkeitsverhältnis welches einen großen Kraftaufwand vonseiten, der sich trennen wollenden Person erfordert.

Aufgabe laut Gesetz

Im Endeffekt ist meine Aufgabe also laut Gesetz, das Kindeswohl in der Familie sicherzustellen. Wenn die Eltern nicht gewillt oder in der Lage dazu sind, dies umzusetzen, muss ich entweder die Kinder zu ihrem eigenen Schutz sofort Inobhut nehmen – das heißt ohne Einwilligung der Eltern – oder mich an das Familiengericht wenden. Wurden Kinder Inobhut genommen, muss ich mich danach sofort an das Familiengericht wenden. Ich darf als Sozialer Dienst nämlich nur für den Moment die Entscheidung treffen, dass das Kindeswohl so massiv gefährdet ist, dass ich die Kinder nicht länger bei der Familie lassen kann. Auf längere Sich kann solch eine Entscheidung nur das Familiengericht treffen und darüber bin ich ehrlich gesagt auch froh.

Wie du dir bestimmt bereits denken kannst, sind solche Fälle sehr anstrengend, kräftezehrend und erfordern einem alles ab. Ich selbst hatte zum Glück noch keinen Fall, indem ich ein Kind gegen den Willen der Eltern (und des Kindes) herausnehmen musste.

Gleichzeitig haben aber auch Kinder immer die Option, sich an den Sozialen Dienst zu wenden und um Inobhutnahme zu bitten. Das habe ich tatsächlich schon einige Male erlebt.

Beratung

Es gibt verschiedene Arten von Beratung, die wir durchführen. Beratung beinhaltet aber immer, dass es im Endeffekt um die Kinder geht.

Ob es sich nun um den Vater handelt, der seine Kinder wieder sehen möchte und die Frau sich weigert oder ob es um verzweifelte Eltern geht, die mit dem Medienkonsum ihres Sohnes nicht mehr zurechtkommen. Beratung macht einen großen Teil meiner Arbeit aus.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Vom Amt kann man ja halten, was man will. Meine Annahme war auch, dass das alles (entschuldige die Ausdrucksweise) sesselpupsende Faultiere sind, die sich den ganzen Tag den Popo platt sitzen auf ihren Stühlen, aber sonst recht wenig machen.

Zum Glück wurde ich in meinem Studium, im Fremdpraktikum, genauer gesagt, eines Besseren belehrt. Ich durfte bei meinem Anleiter lernen und sehen, wie Soziale Arbeit im Sozialen Dienst gemacht werden kann. Wie trotz der schwierigen Lage in der man sich befindet, zwischen Helfen und Kontrollieren, eine Arbeitsbeziehung aufgebaut werden kann. Und vor allem, wie trotz der vielen administrativen Tätigkeiten, die wir mittlerweile machen müssen, eine Arbeit an und mit Menschen möglich ist.

All das hat mich so inspiriert, dass ich gespürt habe, dass der Job doch etwas für mich sein könnte. Und so habe ich vor gut 3,5 Jahren begonnen, auf meiner Stelle zu arbeiten.

Auch heute kann ich noch sagen, das war die beste Entscheidung! Auch wenn ich immer wieder Phasen habe, in denen ich einfach keine Kraft mehr finde, in denen ich aufhören und aufgeben möchte, weil einfach alles zu viel ist, liebe ich meinen Job von ganzem Herzen.

Das macht’s interessant

Meiner Meinung nach machen folgende Aspekte den Job beim Sozialen Dienst interessant:

  • Kein Tag ist wie der andere – eben NICHT “und täglich grüßt das Murmeltier”😉
  • große Abwechslung – in den Themen und Aufgaben
  • Überblick über das große Ganze – ich bekomme den gesamten Hilfeverlauf mit, nicht nur den Teil den die Einrichtung oder die Helfer erbringen, der wird dann meist auch irgendwann beendet und etwas Neues beginnt – ich bekommen alles mit und sehe die Gesamtentwicklung der Familie, des Kindes
  • Schöne und nicht so schöne Kontakte – alles ist dabei von hochaggressiven bis hin zu ganz lieben Menschen, die man durch den Job kennenlernen darf
  • Die Dankbarkeit, die man erhält – wenn man tatsächlich, mit den Hilfen, die man anbieten kann, die Familie unterstützen konnte und sich die Situation für die Familie verbessert oder verändert
  • Abwechslung in der Intensität – Aufregende und höchst anstrengende Phasen und tiefenentspannte Phasen um Kraft zu tanken
  • Think outside the box – der Blick weitet sich, öffnet sich für mehr und unterschiedliche Familienformen, Wohnmöglichkeiten, Interessen (ob positiv oder negativ behaftet ist erstmal egal)
  • Dankbarkeit für mein Leben – durch das Erleben von teilweise großer Armut, Verzweiflung und Schmerz spüre ich eine tiefe Dankbarkeit für mein Leben, alles was ich habe
  • Teamarbeit – mit dem Team steht und fällt meiner Meinung nach im sozialen Bereich die Arbeit, ich habe das große Glück in einem Miniteam zu sein, mit dem ich mich fabelhaft verstehe

Voraussetzungen für die Arbeit

Aus meiner Sicht ergeben sich aus meinen bisherigen Ausführungen folgende Voraussetzungen, um die Arbeit beim Sozialen Dienst machen zu können, auszuhalten, ja eventuell sogar eine gewisse Berufung darin zu finden.

  • Empathie – Einfühlungsvermögen in andere Menschen
  • Authentizität – Echtheit, sich selbst öffnen um sich ehrlich und echt zeigen können – denn alles andere sehen insbesondere unsere Kunden sehr schnell – mit gleichzeitiger angemessener Distanz
  • Ruhe und Gelassenheit – in stressigen Phasen, aber auch in den Ruhephasen
  • Spaß bei der Arbeit mit besonderen Menschen – denn die gibt es in der Sozialen Arbeit überall
  • Keine Scheu vor dreckigen Wohnungen, Krankheiten, Ungeziefer, stinkenden Menschen, aggressiven Ausbrüchen, … ja das klingt jetzt krass, ist es teilweise aber auch und darauf muss man sich eben auch einstellen! Wir arbeiten mit Menschen aus allen finanziellen Segmenten, das kann das große Einfamilienhaus sein, aber eben auch die heruntergekommene, gekündigte und vor der Zwangsräumung stehende, vermüllte Wohnung.
  • Teamgeist – wie gesagt, der Job lässt sich nur mit einem guten Team lange machen
  • Geduld – alles braucht Zeit, insbesondere Verhaltensweisen, die sich über Jahre etabliert haben, lassen sich nicht innerhalb eines Jahres verändern und manche Dinge regeln sich auch ganz von alleine mit der Zeit
  • Mit dem Machtgefälle klarkommen und es nicht ausnutzen – die Macht, die der Soziale Dienst hat, wurde glaube ich klar, daher ist es meiner Einschätzung nach wahnsinnig wichtig sich dieser Position bewusst zu sein und diese auch regelmäßig zu reflektieren.
  • Zuversicht und den Glauben an die Menschheit – den man bei der Arbeit, dem Leid, dem Schmerz, den Zuständen, die ich schon sehen musste, auch nicht verlieren darf!

Ein Resümee meiner Arbeit beim Sozialen Dienst

So, ich hoffe ich habe dich mit dem Artikel nicht abgeschreckt, sondern eher ein wenig Interesse für meine Arbeit schaffen können.

Leider ist in der Gesellschaft weiterhin ein tiefes Misstrauen gegenüber “dem Jugendamt” immer heißt es, dass entweder nichts gemacht oder zu früh eingegriffen wurde. Die rechtlichen Restriktionen, die nun mal bestehen und die auch gut sind, genauso wie sie sind, erlauben uns jedoch nicht immer so zu handeln, wie wir denken, dass es angemessen wäre. Und natürlich Fehler passieren, weil wir auch nur Menschen sind. Fehler sind in unserem Job zwar meistens mit Kindern oder Eltern verbunden und damit ein besonders emotionales Thema in der Diskussion, sind aber nichtsdestotrotz Lernfelder, durch die sich der Soziale Dienst die letzten Jahre massiv weiterentwickelt hat. Ob zum Guten oder Schlechten, das werde ich für mich die nächsten Jahre noch weiter gut beobachten.

Letzten Endes hoffe ich, ich konnte dir jetzt ein wenig über meine Arbeit erzählen und das nächste Mal, wenn du eine reißerische Schlagzeile über “das Jugendamt” liest oder im Fernsehen “das Jugendamt” höchst plakativ dargestellt wird, überlegst du eventuell 2x bevor du das, was dir gezeigt wird, genau so annimmst.

Jetzt wünsche ich dir einen fabelhaften Tag, einen gemütlichen Abend oder einen erfrischenden Morgen,

Alles Liebe,
Ronja


1 thought on “Meine Arbeit beim Sozialen Dienst”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert